Privat

Bye bye pendeln – hallo Stadt!

Seit nun mehr fast 1 1/2 Jahren bestreite ich täglich den Weg Seestadt – 1010 Wien und retour und muss sagen, es reicht. Aber auf Anfang …

Im September 2015, geblendet vom Verspechen in 27 Minuten im Zentrum zu sein und einer tollen Wohnung mit viel Platz, entschlossen wir uns gegen eine sehr zentral gelegene Altbauwohnung (mit einem Zimmer weniger als hier) und ließen uns auf das Projekt Seestadt und Neubau ein. Der Mann wollte unbedingt ein bisschen grün (*hust*), und ja ein viertes Schlafzimmer das wir als Arbeitszimmer nutzen können war und ist sehr verlockend. Damals war noch alles happy peppy. Nachdem ich damals noch viel Home Office gemacht habe, fiel mir nicht wirklich auf, dass der Weg in den 1. Bezirk beschwerlich und vor allem eines, lang ist. Aber so schnell ist man ja auch nicht genervt.  Ich pendelte zwar täglich hin und her, aber niemals zur Rush Hour. Denn wenn man abseits dieser fährt, so braucht man wirklich nur 27 Minuten.

Mittlerweile hat sich dies geändert, seit nun mehr Juni heißt es hier zwischen 7.45 und 8.45 Abfahrt und ab in die Stadt. Der normale Arbeitsalltag hat mich wieder. Und es ist mühsam. Drei Personen fertig zu bekommen um das Haus zu verlassen ist das eine, 34300 Sachen einpacken um das pendeln und die Zeit bis wir am Ziel ankommen, das andere. Hier hinzu kommt, dass die Bahn morgens alle 7-10 Minuten fährt und abends und amWochenende noch seltener. Von Bequemlichkeit und guter Anbindung keine Spur. Morgens mal gute 10 Minuten zu verlieren weil einem die Bahn vor der Nase wegfährt ist hart. Das Ganze vielleicht auch noch im Winter mit zwei Kindern durchmachen einfach unzumutbar.  Wir sind bevor unser Tag eigentlich richtig beginnt meist schon fast eine Stunde unterwegs. Eine Stunde voller Buch vorlesen, Peppa Pig am iPad, Minecraft am Handy, Brösel im Kinderwagen und dem einen oder anderen Grumpy Wiener der uns den Platz im Aufzug streitig macht.

Wir haben davor in Gerasdorf gewohnt und waren von einem Bus abhängig der 2-4x pro Stunde (je nach Tageszeit) zur U1 fuhr, und waren trotz allem in ca. 30 Minuten am Stephansplatz. Was für ein Luxus. War mir damals nur nicht klar. Sich nach Buszeiten richten war einfach nervig, mittlerweile würde ich alles dagegen eintauschen. Die direkte Anbindung an die U2 war einfach verlockend.  Das kann doch nicht so lange dauern, dachte ich mir. So ist es jedoch auch so, dass man morgens auch eine Alternative hat, nämlich mit vielen anderen Seestädtern, mit dem Bus weiter fahren zur Station Aspernstraße. Dort fährt die U2 viel öfter (da dort jede hält und nicht so wie in der Seestadt jede zweite). Mit Kinderwagen ist aber kein Platz garantiert, denn diese sind Mau und heiß begehrt, vor allem morgens. Der Bus ist zu den Stoßzeiten meist wirklich extrem überfüllt.

So ist mein Weg in die Arbeit jeden Tag ein bisschen russisches Roulette, was es ziemlich schwer macht, Termine morgens einzuhalten bzw. überhaupt einzugehen (oder aber die Kinder rechtzeitig in den KiGa/Vorschule zu bringen). Generell nervt die Tatsache, dass wir zeitweise morgens bis zu einer Stunde in den Kindergarten, Vorschule und Arbeit benötigen. Und das alles nur weil wir von so vielen Faktoren abhängig sind. Es zerrt an den Nerven. Die Kinder bekommen meist Hunger wenn schon alle Snacks gegessen wurden, und ich muss wir wirklich jeden Tag  ein anderes Morgenprogramm einfallen lassen oder zumindest einpacken um den Weg erfreulicher zu machen. Tage an denen ich einfach morgens ein bisschen Ruhe habe, gibt es nicht. Wir pendeln, komme was wolle. Der Bus ist voll, in der Bahn ist oft kein Platz oder aber es kommt eine alte Bahn was für mich bedeutet: mindestens 30 Minuten bis zum Praterstern stehen. Wir verbringen täglich fast bis zu zwei Stunden in öffentlichen Verkehrsmitteln und ich sehe darin keinerlei Mehrwert. Es ist zwar schön, mit den Kids viel Zeit zu verbringen, nur würde ich das lieber bei einem Spaziergang, im Park oder aber zuhause.

Leider verbringen wir aus Erfahrung bis zu 10 Stunden pro Woche, bis zu 40 Stunden pro Monat oder aber 480 Stunden pro Jahr (wenn ich die Ferien weg rechne), also ganze 20 Tage in den Öffis bzw. am Weg hin und retour. 20 Tage an Freizeit die ich für das pendeln opfere. Dafür das ich zwar in einer schönen Gegend am Stadtrand wohne, von der ich aber Mo – Fr so gut wie gar nichts habe, da ich die Zeit die ich für Freizeit nutzen könnte ja mit dem Weg hin und retour verbringe.  Am schlimmsten sind die Tage, wo ein Kind krank ist oder aber, Gott behüte, ich mal krank werde. Hin und her fahren und das zwei mal, würde fast 2-3h pendeln bedeuten, also unmöglich. Unzumutbar. Oft muss ich hier organisieren bzw. den Papa einspannen, der hier noch weitere Wege zurück legen muss, da er am anderen Ende der Stadt arbeitet (und ganz andere Arbeitszeiten hat die nicht so KIGA freundlich sind). Ich weiß, es ist hier jammern auf hohem Niveau, aber man sollte seine Zeit so effizient wie möglich nutzen. Vor allem mit Kindern.

Pendeln hat für mich keinen Mehrwert mit Kindern, es ist eher eine riesige Belastung im Alltag. Wir sind wenn wir Zuhause ankommen todmüde und meist auch schlecht gelaunt, da der Weg nach Hause oft durch lange Wartezeiten auf Bus oder Bahn vermiest werden. Je nach Uhrzeit kann morgens 10 Minuten später das Haus verlassen einen riesigen Zeitverlust bedeutet, da wir oft den Bus auch fahren lassen müssen und, sollten wir zu Fuß zur Bahn gehen, diese dann auch oft verpassen, da wir einfach auf den Aufzug angewiesen sind oder aber die U2 einfach früher als auf qando angezeigt, fährt. Über Aufzüge könnte ich ja ein eigenes Buch schreiben, ich bekomme alleine beim Gedanken an Personen die alleine mit dem Aufzug fahren obwohl sie ihn nicht nötig haben Aggressionen. Nie im Leben würde ich in Wien, sofern ich ohne Kinderwagen unterwegs bin, Aufzug fahren. Gutes Zeit Management, wie davor, ist einfach nicht möglich, da man von so vielen Faktoren abhängig ist und Bus und Bahn auch nicht gerade gut geplant wurden bzw. auf einander abgestimmt (warte mal am Abend bei -10 Grad 15 Minuten au den Bus – Alternative ist am Weg nach Hause erfrieren).

Ich kann verstehen, warum manche Menschen pendeln toll finden, alleine 1-2h am Tag ein Buch lesen oder die Seele baumeln lassen ist es auch sicher, aber mit müden, hungrigen Kids den Weg bestreiten ist alles andere als lustig. Vor allem nach einem Arbeitstag. Wir können nicht unser Leben in die Seestadt versetzen, Kindergartenplätze sind schneller weg als warme Semmeln und ich habe gerne die Kinder näher bei der Arbeit als zuhause, da ich im Notfall einfach schneller bei ihnen bin.

Deswegen haben wir auch den Entschluss gefasst unsere Wohnung hier, so sehr wie sie lieben, zu verlassen und einen Neuanfang in der Stadt zu beginnen.  Zu Fuß in den Kindergarten, Schule und Arbeit ist die neue Devise. Ich werde die sauberen Straßen, die Wohnung und auch die Menschen vermissen – jedoch auf keinen Fall den täglichen Weg in die Arbeit.

Was ich mit meinen gewonnen 20 Tagen mehr Freizeit pro Jahr mache?

Ich werde bestimmt etwas finden 😛

Editors Note: ich habe diesen Beitrag mit ziemlich viel Wut auf die ganze Situation geschrieben

4 thoughts on “Bye bye pendeln – hallo Stadt!

  1. Vielleicht mit Wut, aber unterhaltsam zu lesen. Tatsächlich habe ich mich schon _immer_ gefragt, wie die Leit des aushalten. Frage beantwortet:)

  2. Wünsche euch einen tollen Neustart in der City. Familienglück ist wichtiger als alles andere. Ihr scheint eine tolle Familie zu sein.

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